Vortrag zur Eröffnung der Fischkinderstube in Edingen-Neckarhausen
Das Projekt „Lebendiger Neckar“
Ende der 1990er Jahre spielte der Neckar im Bewusstsein der Neckaranlieger keine besondere Rolle. Das Wasser galt als schmutzig und schadstoffbelastet und es gab nur wenige Zugänge zum Fluss, da die Ufer aus Steinschüttungen bestanden und eine durchgehende Barriere bildeten. Der Neckar war in die Freiraum- und Siedlungsstruktur so gut wie nicht eingebunden und wurde in erster Linie als Infrastrukturtrasse für die Schifffahrt genutzt.

Dossenheim, Schwabenheimer Hof, 2006
© IUS
Flusslandschaft im Wandel
1996 wurde durch den Nachbarschaftsverband das Landschaftsentwicklungsprojekt „Lebendiger Neckar“ ins Leben gerufen, um den Neckar von Heidelberg bis Mannheim langfristig zu einem zwanzig Kilometer langen blau-grünen Band für Natur und Naherholung zu entwickeln. Damit war der Nachbarschaftsverband eine der ersten Initiativen in Baden-Württemberg, die sich dem Neckar angenommen haben.
Ganz zu Beginn galt es, ein neues Bewusstsein für den Neckar zu schaffen. Einen ersten wichtigen Impuls setzte dabei 1999 das Projekt „Schulen für einen Lebendigen Neckar“, das vom Land im Rahmen der Lokalen Agenda-21 gefördert wurde. Es umfasste Führungen für Grundschulklassen an den Neckar, Lehrerfortbildungen sowie einen Malwettbewerb „Kinder malen den Neckar“. Die Wettbewerbsergebnisse wurden in Ausstellungen gezeigt, die von den Bürgermeistern eröffnet wurden. Die Aktivitäten stießen auf großes Interesse und fanden auch in den Medien breite Resonanz. Mit dieser ersten Maßnahme rückte der Neckar nach und nach stärker in das öffentliche Bewusstsein.
Im Weiteren ging es darum, die Neckarlandschaft sichtbar zu verändern. Zu Beginn wurde bewusst auf einen „Masterplan“ verzichtet. Zwar finden große Bilder oft schnell Zustimmung, aber das Risiko ist nicht gering, dass für zu große Maßnahmen die Finanzierung nicht gelingt. Insofern war es gerade zu Beginn wichtig, auch kleinere, realisierbare Maßnahmen zu finden und auf den Weg zu bringen. Grundgedanke war, die Qualitäten der Flusslandschaft Stück für Stück über die Jahre hinweg mit den jeweils verfügbaren Mitteln kontinuierlich weiterzuentwickeln. Als Ideen wurden daher vielfältige Bausteine entwickelt: Schaffung von Zugängen zum Fluss, Flachwasserzonen, Maßnahmen zur Aufwertung der Ufer, die Förderung naturnaher Auenlebensräume sowie ein Wegenetz für Spaziergänger und Radfahrer.

Ein Ergebnis des Malwettbewerbs "Kinder malen den Neckar" (Klasse 2a (2000/2001) der GHS Heidelberg-Ziegelhausen.
© NV
Im Jahr 2002 wurden in Ilvesheim und Heidelberg die ersten Flachwasserzonen mit Neckarzugang realisiert. Die Finanzierung erfolgte durch Landesmittel der Glücksspirale sowie durch kommunale Eigenmittel. In der Folge konnten in Kooperation mit dem Regionalverband Rhein-Neckar EU-Fördermittel aus dem Programm „Interreg B“ akquiriert werden. In diesem Zusammenhang stehen die Öffnung der Stadt Ladenburg zum Neckar im Rahmen einer „kleinen Landesgartenschau“, die Ausstellung „Erlebe den Neckar“ auf dem Mannheimer Museumsschiff sowie ein Wasserspielplatz auf dem Neckarvorland in Heidelberg.
Zum wesentlichen Element des „Lebendigen Neckar“ wurden die Flachwasserzonen mit Zugang zum Fluss: Inzwischen hat jede der Flussanliegergemeinden – Heidelberg, Dossenheim, Edingen-Neckarhausen, Ladenburg, Ilvesheim und Mannheim – mindestens einen Zugang zum Wasser. Bei der Ausgestaltung der Maßnahmen waren zwei Ziele besonders wichtig: die Stärkung der Naherholungsfunktion sowie die Aufwertung des gewässerökologischen Zustands. Wichtig waren daher eine städtebaulich geeignete Lage als auch eine attraktive bauliche und freiraumplanerische Ausgestaltung. Die Flachwasserzonen übernehmen seither eine wichtige Funktion als Landmarke und dienen als attraktive Aufenthalts- und Erlebnisräume.

Sandstrand Ladenburg, 2021.
© NV/Mueller
Gewässerökologisch sind durch die Maßnahmen bedeutende Rückzugs- und Fortpflanzungsräume für Fische im Neckar entstanden. Die Vielzahl an Flachwasserzonen unterschiedlicher Größe vernetzen sich zu einer Kette von Trittsteinbiotopen zwischen Heidelberg und Mannheim und verstärken sich gegenseitig in ihrer gewässerökologischen Wirkung. So wird ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie geleistet – früher am Neckar heimische Wanderfische wie Meerforelle und Flussneunauge konnten am Unteren Neckar wieder nachgewiesen werden.

Neckarschlut HD-Wieblingen, 2022.
© NV/Steinbrenner
Rolle und Wirken des Nachbarschaftsverbandes
Die Rolle des Nachbarschaftsverbands liegt vor allem im Vorfeld der eigentlichen Baumaßnahme und reicht von der Ideenfindung bis zur Schaffung der erforderlichen Realisierungsvoraussetzungen. Im Zentrum steht eine ganzheitliche Projektsteuerung mit dem Ziel, alle relevanten Akteure einzubinden und die Projekte kontinuierlich voranzubringen. Eigene Finanzmittel stehen dem Verband nicht zur Verfügung; die Maßnahmenträgerschaft verbleibt bei den jeweiligen Kommunen.
Zu den wesentlichen Aufgaben zählen die Entwicklung geeigneter Maßnahmen, die Abstimmung mit Gemeinden und Fachbehörden, die Akquise von Fördermitteln, die Beauftragung externer Fachgutachten, die Einholung von Genehmigungen sowie die Herbeiführung politischer Beschlüsse und die Öffentlichkeitsarbeit. Grundlage hierfür sind ein belastbares Netzwerk und ein enger Austausch mit den Bürgermeistern und Gemeindeverwaltungen. Dadurch können Prozesse effizient gestaltet und sich bietende Chancen flexibel und auch kurzfristig genutzt werden.
Finanzierung
Die Finanzierung stellt einen entscheidenden Erfolgsfaktor dar, da entsprechende Maßnahmen in der Regel nur mit Fördermitteln realisierbar sind. Zu Beginn wurden überwiegend Fördermittel sowie kommunale Haushaltsmittel eingesetzt. Im weiteren Verlauf wurde es jedoch zunehmend schwieriger, kommunale Eigenanteile bereitzustellen, wenngleich weiterhin Projekte umgesetzt werden konnten.
Zunehmend gewinnen auch private Finanzierungsbeiträge an Bedeutung. Es finden sich immer mehr Menschen und Institutionen, die sich dem Neckar verbunden fühlen und bereit sind, für solche Maßnahmen einen Finanzierungsbeitrag zu leisten. So haben bei einer Maßnahme zur Vergrößerung des Neckarstrandes in Ladenburg die Bürger selbst für das Vorhaben gesammelt. Voraussetzung dafür waren vielfältige Presseberichte und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit. In Mannheim gelang es der Stadtverwaltung, eine für ökologische Zwecke gebundene Erbschaft für den Bau einer Flachwasserzone einzusetzen. In Edingen-Neckarhausen hat die Gemeinde die Finanzierung des 3,5 Millionen Euro teuren Großprojekts „Fischkinderstube“ durch zwei private Großspenden in Höhe von 450.000 Euro gesichert. Ergänzt wurde dies durch Mittel der Fischereiverbände.
Über viele Jahre hinweg waren insbesondere Fördermittel des Landes im Kontext der EU-Wasserrahmenrichtlinie von großer Bedeutung. Diese umfassten häufig auch die Unterstützung in der Planungsphase sowie hohe Förderquoten (bis zu 85 Prozent) für die Umsetzung. Fehlende kommunale Eigenmittel konnten teilweise durch alternative Instrumente wie Ausgleichsmaßnahmen aus dem Ökokonto oder durch privates Engagement kompensiert werden.
Seit 2021 haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Aufgrund einer Novellierung des Bundeswasserstraßengesetzes liegt die Zuständigkeit für gewässerökologische Maßnahmen im Zuge der EU-Wasserrahmenrichtline nicht mehr bei der Landesverwaltungen, sondern bei der Bundeswasserstraßenverwaltung. Dies hat zur Folge, dass Projekte, die über viele Jahre in enger Partnerschaft mit Behörden des Landes und der örtlichen Institutionen geplant und umgesetzt wurden, organisatorisch nunmehr die Zusammenarbeit mit der Generaldirektion Wasserwirtschaft des Bundes erfordern. Eine entsprechende Zusammenarbeit läuft, die näheren Rahmenbedingungen zur Fortführung der Projekte werden derzeit entwickelt.

Einweihung der Fischkinderstube Edingen-Neckarhausen, 2018.
© Fotostudio Schwetasch
Fazit und Ausblick
Heute addieren sich die Maßnahmen zu einem zusammenhängenden Ganzen. Mit dem Projekt „Lebendiger Neckar“ von Heidelberg bis Mannheim wurde ein sicht- und spürbarer Beitrag zur Qualitätssteigerung des Wohnumfeldes, des gewässerökologischen Zustands sowie der kommunalen und regionalen Naherholungsmöglichkeiten mitten im Verdichtungsraum geleistet. Auch kleinere Maßnahmen tragen in der Summe zur Umsetzung eines attraktiven und ökologischen blau-grünen Wasserbandes bei. Alle Neckaranlieger verfügen heute über einen Zugang zum Neckar, der von Bewohnerinnen und Bewohnern der angrenzenden Quartiere, Spaziergängern und Kindern regelmäßig genutzt wird. Der Erfolg der ökologischen Aufwertung zeigt sich unter anderem im deutlich verbesserten Fischbesatz und in der Rückkehr ehemals fehlender Arten, wie etwa des Bibers.
Auch zukünftig ist vorgesehen, weitere Maßnahmen umzusetzen, um Impulse für Gewässerökologie und Naherholung zu setzen.